Energiejobs.de

Das Karriereportal der Energiewirtschaft seit 2000

IWR Reuters News Center RTL 103 0347 1280 256

Wärmewende in Hamburg: Neuer Stadtteil Grasbrook soll ab 2031 über 90 Prozent erneuerbare Wärme und Abwärme nutzen

© Martin Elsen© Martin Elsen

Hamburg - Der Energieversorger Enercity übernimmt die Wärmeversorgung des neuen Hamburger Stadtteils Grasbrook. Ab 2031 sollen mehr als 90 Prozent der Wärme aus erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme stammen. Eine zentrale Kälteversorgung ist ab 2035 geplant.

Während erneuerbare Energien 2025 in Deutschland mehr als die Hälfte des Stromverbrauchs deckten, lag ihr Anteil am Wärme- und Kälteverbrauch erst bei 19 Prozent. Auch Fernwärme wird weiterhin überwiegend mit fossilen Energieträgern erzeugt. Für die Dekarbonisierung der Fernwärme müssen Versorger zusätzliche erneuerbare Wärmequellen und industrielle Abwärme erschließen und in bestehende oder neue Wärmenetze integrieren.

Enercity erweitert Wärmenetz mit Aurubis-Abwärme
Die Hafencity Hamburg GmbH hat die Dienstleistungskonzession nach einem europaweiten Vergabeverfahren an die Enercity Contracting Nord GmbH vergeben. Das Unternehmen betreibt bereits ein Wärmenetz für die östliche Hafencity, Rothenburgsort und Teile der Peute. Eine wichtige Wärmequelle ist industrielle Abwärme aus dem Hamburger Werk des Kupferproduzenten Aurubis.

Durch den Anschluss an das bestehende Netz kann der Grasbrook diese industrielle Abwärme künftig ebenfalls nutzen. Nach Enercity-Angaben stammen bereits 85 Prozent der Wärme im Bestandsnetz aus erneuerbaren Energien und industrieller Abwärme.

Geplant sind rund 7,3 Kilometer zusätzliche Wärmeleitungen und weitere Erzeugungsanlagen. Wärmepumpen sollen Umweltwärme aus Luft und gegebenenfalls Abwasser nutzen, Biomethan soll Bedarfsspitzen decken. Bis 2040 strebt Enercity einen Anteil von 100 Prozent erneuerbarer Energien und unvermeidbarer Abwärme an.

Wärme ab 2031, zentrale Kälteversorgung ab 2035
Auf dem rund 47 Hektar großen früheren Industrie- und Logistikgelände sollen mindestens 3.000 Wohnungen und rund 16.000 Arbeitsplätze entstehen. Erste Bauvorhaben im Moldauhafenquartier sind ab Herbst 2028 vorgesehen. Die Wärmeversorgung soll dort 2031 starten. Für das Moldauhafenquartier lief die öffentliche Beteiligung zum Bebauungsplan von Juli bis September 2026.

Im ebenfalls zum Grasbrook gehörenden, stärker gewerblich geprägten Hafentorquartier ist ab 2035 zusätzlich eine netzgebundene Kälteversorgung mit rund 1,8 Kilometern Leitungen geplant. Zentrale Anlagen können gebäudeeigene Technikflächen einsparen. In der benachbarten Hafencity nutzt Enercity industrielle Abwärme bereits zur Kühlung des Präventionszentrums Previer über eine Absorptionskälteanlage.

Fernwärme: Erdgas bleibt bundesweit wichtigster Energieträger
Nach Angaben des BDEW lag der Anteil erneuerbarer Energien und unvermeidbarer Abwärme an der deutschen Fernwärmeerzeugung 2025 bei 34,4 Prozent, nach 35,0 Prozent im Vorjahr. Erdgas blieb mit 49,3 Prozent der wichtigste Energieträger. Zusammen mit Stein- und Braunkohle sowie Mineralöl entfielen weiterhin mehr als 60 Prozent der Fernwärmeerzeugung auf fossile Energieträger.

Um den fossilen Energieeinsatz zu senken, müssen zusätzliche Wärmequellen erschlossen werden. Neben industrieller Abwärme, wie sie für den Grasbrook genutzt werden soll, kommen dafür Großwärmepumpen, Geothermie und Solarthermie infrage. Welche Quellen wirtschaftlich nutzbar sind, hängt von den örtlichen Voraussetzungen und der vorhandenen Netzinfrastruktur ab.

Industrielle Abwärme: Entfernung und Temperatur entscheiden
Für die Umstellung der Fernwärme kann industrielle Abwärme eine wichtige Rolle spielen. Ihre Nutzung setzt allerdings geeignete Entfernungen zwischen Wärmequelle und Abnehmern, ausreichende Temperaturen und wirtschaftlich tragfähige Investitionen voraus.

Hinzu kommen unterschiedliche Lastprofile: Industrieanlagen liefern teilweise kontinuierlich Wärme, während der Heizbedarf saisonal schwankt. Wärmespeicher und ergänzende Erzeugungsanlagen können diese Unterschiede ausgleichen. Bestehende Netze erleichtern zusätzliche Anschlüsse, sofern ihre Kapazitäten ausreichen.

Wärmeplanungsgesetz setzt steigende Mindestanteile
Das Wärmeplanungsgesetz nennt für 2030 das bundesweite Ziel von durchschnittlich 50 Prozent erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme in Wärmenetzen. Verbindlich gelten für bestehende Netze grundsätzlich mindestens 30 Prozent ab 2030 und 80 Prozent ab 2040. Neue Wärmenetze müssen seit März 2025 grundsätzlich 65 Prozent erreichen. Bis Ende 2044 ist die vollständige Umstellung vorgeschrieben.

Mit dem für den Grasbrook geplanten Anteil von über 90 Prozent erneuerbaren Energien und unvermeidbarer Abwärme verfolgt Enercity ein Versorgungsziel, das deutlich über den bundesgesetzlichen Mindestanteilen für Wärmenetze liegt. Das Projekt verdeutlicht zugleich, dass die Umstellung der Fernwärme nicht allein vom Bau neuer Erzeugungsanlagen abhängt. Auch die Erweiterung bestehender Wärmenetze und die Nutzung bereits verfügbarer industrieller Abwärme können dazu beitragen.

© IWR, 2026


19.10.2026

 



Jobs & Karriere - Energiejobs.de
Veranstaltungen - Energiekalender.de